Individuelle Spiritualität und Religion

Individuelle Spiritualität und Religion

Spiritualität bedeutet für mich jene Geistigkeit, in welcher wir dem Leben begegnen und dieses auch würdigen. So ist sie für mich auch der lebensbejahende Geist, im Wissen dessen, dass es auch destruktive Kräfte gibt, die uns herausfordern und unsere innere und äußere Haltung prüfen.
Das Wort Religion stammt aus dem Lateinischen „religio“, was in der Wurzel auch Gewissen (Gewissenshaftigkeit), Bedenken bzw. die persönliche Beziehung zu einer übergeordneten Instanz bedeutet. Es geht hierum also in erster Linie um die persönliche transzendente Beziehung, manche drücken es als Rückverbindung zur Quelle aus. Im deutschen Sprachgebrauch wird Religion stark mit den unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften in Verbindung gesetzt (z.B. die Frage: Welche Religion hast du? Dies wird in Dokumenten und Schulzeugnissen auch so ausgewiesen). Meines Erachtens verfälscht das die Bedeutung der Wortwurzel „religio“. Persönliche transzendente Erfahrungen können nur individuell und einzigartig erfahren werden. Dementsprechend sind Wege zur Transzendenz höchst persönlich. Glaubensgemeinschaften können zweifelsohne hierbei unterstützen und haben sich in den unterschiedlichsten Kulturen unserer Erde entwickelt, aber die persönliche Beziehung zur „übergeordneten Instanz“ ist und bleibt ein heiliger Raum, der nur durch sich selbst zu finden ist. Glaubensgemeinschaften beinhalten einerseits wahrliche Schätze an Ritualen und auch Wundern. Anderseits haben sie auch Schattenseiten, die eventuell Zweifel an der jeweiligen Glaubensgemeinschaft hochkommen lassen. Persönlich sehe ich deshalb u.a. den Kirchenbeitrag als Kulturbeitrag. Eine Glaubensgemeinschaft ist immanenter Teil einer Kultur, mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Da „religio“ aber immer höchst persönlich ist, ist kein Mensch besser (oder „heiliger“), weil er dieser oder jener Glaubensgemeinschaft angehört oder auch nicht (z.B. Atheismus). Heilsam ist es, jeden individuellen Weg zu würdigen, welcher durch das Gewissen getragen wird. Hierbei spielt sicher der Grad an gemachten Erfahrungen eine große Rolle. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Individualität jedes Menschen immer mehr Raum erfährt. Wird diese Individualität ohne Gewissen oder Moral gelebt, steht die Gesellschaft vor großen Herausforderungen. Die Gemeinschaft ist jedenfalls vor Skrupellosigkeit zu schützen. Deshalb gewinnt Ethik an Bedeutung. Die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen steht aber gegebenenfalls im Konflikt mit der persönlichen Individualität. Hier schließt sich der Kreis, denn nur das persönliche Gewissen trägt zur Entwicklung des Menschen und folglich der Menschheit bei. Jeder Mensch hat die Freiheit mit oder ohne (bzw. gegen das) Gewissen zu handeln. Eine entwickelte Spiritualität beinhaltet eine Gewissenshaftigkeit, welche individuelle persönliche Transzendenz ermöglicht, ohne Einflussnahme gesellschaftlicher und kultureller „Dogmen“.

Helmut Wurdinger zum Februarvollmond 2026

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