… sind zwei konträre Bedeutungen und stehen dennoch im unmittelbaren Zusammenhang. Gewöhnlich legen wir bei persönlichen Verletzungen den Fokus nach Außen und reflektieren, wer uns verletzt hat und warum bzw. wie das passiert ist. Im schlimmsten Fall sind wir so betroffen, dass im gegebenen Moment gar keine Reflexion möglich ist und wir uns kaum vom empfundenen Schmerz lösen können. Fehlende Abgrenzung, Konzentration oder Achtsamkeit einerseits, Provokation und Machtspiele andererseits sind Faktoren, die zu Verletzungen führen können. Diese Faktoren weisen bereits darauf hin, dass deshalb fast jede Verletzung ein Stück weit eine „Selbstverletzung“ ist. Natürlich ist eine solche Betrachtung eine Frage des Blickwinkels. Vorab, es macht auch keinen Sinn, sich in Richtung „Unverletzlichkeit“ zu entwickeln. Verletzungen haben eine tiefere Bedeutung und in ihnen liegt gleichsam das Heil. In vielen Fällen fördern Verletzungen unsere künftige Acht- und Aufmerksamkeit. In manchen Fällen scheint es, als ob wir von einem gewohnten (für uns heilvollen) Umfeld entrissen werden, was sich wie eine Vertreibung aus dem Paradies anfühlt und besonders schmerzvoll ist. Mit etwas Abstand können wir jedoch feststellen, dass wir im gewohnten Umfeld keine weitere Entwicklung vornehmen konnten. Wir brauchen ab und zu neue Situationen und Herausforderungen, in denen wir uns besser kennen lernen und uns weiter entwickeln können. Gesellschaftliche Einordnungen, wie Bewertungen von Erfolg oder Misserfolg sind keinesfalls förderlich – persönliche Erfahrungen führen zu Entwicklungen, die nur das Leben selbst gestalten kann. Hilfreich ist jene Aufgeschlossenheit, die uns im neuen Umfeld die Möglichkeiten und unser Potential erkennen lassen. (Weniger dienlich sind fixe Vorstellungen unsererseits, welche wiederum neuerliche Verletzungen ermöglichen.) Durch Offen- und Aufgeschlossenheit wachsen wir in unserer Ganzheit und befinden uns auf einem heilvollen Weg, welcher der Selbstheilung gleichzusetzen ist. In der Mythologie entspricht die Verletzung (Wunde) und Heilung dem Wesen Cheiron (Chiron), welcher für seine Heilung die Unsterblichkeit („Unverletzlichkeit“) opferte.
Helmut Wurdinger
zum Maineumond 2026
