Steter Tropfen höhlt den Stein

Steter Tropfen höhlt den Stein

Heutzutage wird quer durch alle Berufsbranchen das Thema „Resilienz“ gepredigt. Im Kern möchte eine Widerstandsfähigkeit vermittelt werden, sodass man möglichst gesund durch die alltäglichen Belastungen hindurchkommt. Resilienz stärkend ist die Pflege wichtiger Lebenssäulen (5 Säulen der Identität nach Petzold: Leiblichkeit, Soziales, Arbeit & Leistung, materielle Sicherheit und Werte). Wir brauchen diese Säulen, um heil durchs Leben zu kommen. Bröckelt eine Säule weg (z.B. Jobverlust, sonstige Trennungen im sozialen Bereich usw.), sind auch andere Säulen gefährdet. Andererseits können die stabilen Säulen für jenen Halt sorgen, den wir zur Meisterung von Krisen und dem Wiederaufbau der angeschlagenen Säule benötigen. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei die Säule der Werte, welche Sinn, Vision, Spiritualität, Zuversicht, Selbstwert usw. beinhaltet.
Kritisch betrachtet kann Resilienz aber auch missbraucht werden, indem diese im Sinne des „Funktionieren in der Gesellschaft“ eingefordert wird. Verletzungen jeglicher Art sollen dabei von uns „abprallen“, was die Übersetzung des lateinischen Wortes „resilire“ bedeutet. Wenn wir in diesem Sinne resilient sind, kann das auf Dauer meines Erachtens nicht gesund sein. Ein gesunder Mensch verfügt über ein Mindestmaß an Empathie. Bringt er diese nicht mit, so ist er verhärtet und wird sich mit gefühlsintensiven Veränderungen schwertun. Es braucht auch eine gewisse „Durchlässigkeit“, um mit Schattenthemen umgehen zu können. Ich glaube, wenn Grausames von uns abprallt, weil wir es nicht hereinlassen können oder wollen, kann auf Dauer keine Heilung geschehen (z.B. Kriegsverbrechen oder die derzeitigen Files, von welchen die Medien berichten). Es benötigt den Mut, solche Informationen durch uns verwandeln zu lassen. Eventuell spürt mancher bei grausamen Themen Emotionen wie Wut oder Trauer, die richtig „verarbeitet“ zur Reinigung der Schattenthemen beitragen. Zum Prozess gehört aber auch, diese Themen wieder loszulassen, sie sollen uns jedenfalls nicht binden! Ich beschreibe diesen ganzen Prozess als „Durchlässigkeit“. Ein empathischer Mensch kann auch schwere Themen aufnehmen und wieder abgeben. Durch uns werden dann die Themen gewandelt. Können die Themen nicht aufgenommen und wieder abgegeben werden, dann lässt man sie beispielsweise „abprallen“ oder es lässt einen kalt. Hierbei können sich die Geschichten leider wiederholen, was eine etwas andere Bedeutung des Sprichwortes „steter Tropfen höhlt den Stein“ mit sich bringt. Möge jeder Mensch nicht nur über Resilienz verfügen, sondern auch über Durchlässigkeit.

Helmut Wurdinger
zum Februarneumond 2026

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