Die Kunst, Gefühle klar zuzuordnen

Die Kunst, Gefühle klar zuzuordnen

Wer kennt das nicht, von Gefühlen überwältigt zu werden? Gefühle sind oftmals verantwortlich für unsere Handlungsgrundlagen und somit Mitgestalter unseres Schicksals. Das Repertoire im Umgang mit Gefühlen scheint unermesslich, beginnend von der Flucht und Ablehnung der Gefühle bis zum Versinken in Gefühlen. Mit Gefühlen wird auch gespielt (also manipuliert). Kollektiv kann beispielsweise gezielt ein Feld der Angst erzeugt und in dessen Wissen Menschen bewusst in eine Richtung gelenkt werden. Das funktioniert aber auch im Kleinen, Narzissten beherrschen das Spiel, beim Gegenüber Schuldgefühle zu erzeugen. Die Möglichkeiten der Manipulation sind zahlreich und hängen teilweise mit den Erfahrungen aus unserer Kindheit zusammen. So können Verhaltensweisen in der Beziehung zum Chef als Muster aus der Kindheit (z.B. autoritärer Vater) fortgesetzt werden. Aber auch angeeignetes Verhalten aufgrund von Parentifizierung ist häufig. Bei Parentifizierung werden hauptsächlich Verantwortungen der Eltern übernommen, welche der Rolle des Kindes nicht entsprechen. Als Erwachsener ist man dann gewohnt, übermäßig Verantwortung zu tragen oder im Perfektionismus gefangen zu bleiben. Wie schafft man es aber, einen heilvollen Umgang mit seinen Gefühlen zu pflegen? Hierzu braucht es in erster Linie Mut – Mut sich auf ein Gefühl einzulassen, ohne sich von diesem vereinnahmen zu lassen. Das bedeutet hineinspüren zu können und dennoch die Beobachterrolle wahrzunehmen. Was spüre/fühle ich? Von woher kommt das Gefühl? Gibt es körperliche Entsprechungen?
Kenne ich das Gefühl oder ist es mir neu? Welches Thema wird vom Gefühl begleitet? Ist es tatsächlich mein Thema oder eines meiner Eltern oder Großeltern? Schaffe ich es dem Gefühl Raum zu geben und „Dahinterliegendes“ zu erkennen? Wechseln die Gefühle bzw. wie leicht fällt es mir, diese wieder loszulassen?
Die Kunst, sich seiner Gefühle gewahr zu sein oder diese klar zuordnen zu können, dient uns dem Leben ganzheitlich zu begegnen. Authentische Ängste haben ihren Sinn, indem sie beispielsweise jene Aufmerksamkeit einfordern, um Situationen bewusst meistern zu können. Aufgezwungene Ängste hingegen hemmen uns, führen uns weg von Freiheit und hin zur Abhängigkeit. Nur wenn wir uns der Grundlage des Gefühls bewusst sind, finden wir in die Selbstermächtigung. Welch schöne Aufgabe!

Helmut Wurdinger zum Junivollmond 2026

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