Selbstführung als Lösung?

Selbstführung als Lösung?

In der modernen Psychologie wird Selbstführung als Lösung für die eigenen Probleme propagiert. Wenn einem alles zu viel wird, dann ist Selbstführung jener Schlüssel, der unsere Gedanken und Gefühle ordnet, um die selbst gesetzten Ziele dennoch zu erreichen. Der Weg führt über Selbstverantwortung und mentale Stärke. Dabei werden Glaubenssätze hinterfragt, Selbstreflexion und „Selbstgespräch“ sind Methoden, die zusätzlich unterstützen. Obwohl ich die angeführten Methoden grundsätzlich gutheiße, gilt es einen kritischen Blick darauf zu werfen, zielen die damit (lt. Psychologie) verbundenen Handlungen doch auf das „effektive“ Erreichen persönlicher und beruflicher Erfolge ab, vor allem auch darauf, unter Stress leistungsfähig zu bleiben. In diesem Sinne wird Selbstführung jedoch nicht seiner ursprünglichen Bedeutung gerecht. Die ursprüngliche Bedeutung steht nicht unter dem Dogma der „Leistungsfähigkeit“, welche vor allem in der westlichen Welt gerne beworben wird. „Provokant“ gedacht, bedeutet Selbstführung, sich nicht von anderen führen zu lassen. Es besteht darin eine gewisse Loslösung von fremden Einflüssen. Selbstverantwortung bewirkt auch Selbstführung, weil Selbstverantwortung jene Antwort von uns abverlangt, die wir dem Leben entgegenbringen. In der Regel fordern die Aufgaben des Lebens uns, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ja oder nein zu sagen. Selbstverantwortung bedeutet die folgenden Konsequenzen der eigenen Entscheidung hundert Prozent zu tragen. Daraus kann nur Selbstführung entstehen, ist doch jegliche Diskussion betreffend Schuld sinnlos. Vermeintlich falsche Entscheidungen erweisen sich als Lehre für unser Leben, wir gewinnen an Selbsterkenntnis und sind frei, künftig auch anders entscheiden zu können. Komplex wird es, wenn wir noch zwischen Eigenverantwortung und Selbstverantwortung unterscheiden! Selbstverantwortung beinhaltet bei der Antwort, der uns vom Leben gestellten Herausforderungen, zusätzlich zu unseren bewussten Anteilen, unsere unbewussten (im Schatten liegenden) Anteile und unsere Verbindungen zum Kollektiv und dessen Schatten zu berücksichtigen. In der Tiefe bedeutet das für uns, dass wir uns nicht „davonstehlen“ können, indem wir beispielsweise behaupten, „das hat ja mit mir nichts zu tun!“. Für die bewussten Anteile mag es gesund sein, sich diesbezüglich abzugrenzen. Als Ganzes wird von uns jedoch eine Haltung abverlangt, die wiederum zur Gesundung des Kollektivs beiträgt. Menschen, die sich selbst führen und mit ihren Mitmenschen kooperieren sind dabei ein großer Segen.

Helmut Wurdinger

zum Ostervollmond 2026

2 Kommentare

  1. Georg Öhler

    Danke lieber Helmut für diesen interessanten Beitrag. Das „für oder gegen etwas, ja oder nein“ kann auch ergänzt werden durch Überlegungen zu „sowohl als auch“ und ermöglicht dadurch eine neutralere und eher von Emotionen oder Verletzungen befreite Entscheidung.
    Manchmal läuft man Gefahr, die Lösung im Außen zu sehen und nicht den Balken im eigenen Auge. Ich sehe mich da oft im Spiegel.
    Alle Liebe Georg

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