Schuldgefühle können plagen. Sie lassen von einem nicht los und sind manchmal auch verantwortlich für schlaflose Nächte. Wie hätte man anders handeln können oder wie kann man das wieder gut machen? Dieses Ringen nach Lösung kann uns wahrlich geißeln. Derartige Erfahrungen können uns zu erhöhter Vorsicht und Achtsamkeit führen, hin zu einem Fokus, in Zukunft möglichst unbescholten zu agieren. Übertriebener Perfektionismus ist das Gift dieser Haltung. Wir Menschen sind ein Leben lang auf Schuld konditioniert. Das fängt bereits im Wirtschafts- und Geldwesen an: Verbindlichkeiten wollen getilgt und Leistungen wollen abgegolten werden. In weiterer Folge ist auch das Rechtssystem darauf abgestimmt, diesbezüglich für Ordnung zu sorgen. Es geht so weit, dass rechtlich in allen Fällen ein Urteil gefällt bzw. erzwungen wird, in manchen Fällen dauert dieses bis zur (weltlich) höchsten Instanz (OGH, EuGH,…). Aber auch im Religiösen herrscht dieses Konzept der Schuld. Der Glaube an einem gerechten Gott, die Rede von gutem oder schlechtem Karma (Prinzip von Ursache und Wirkung) oder „kleine Sünden straft Gott sofort“ ist vielen Menschen schlüssig – deshalb wird kollektiv verständlicherweise an diesem Konzept festgehalten! Uns Menschen begleitet dieses Dogma in fast allen Lebensbereichen – das „Lebensgesetz“ des Ausgleiches gilt sowohl in Familiensystemen als auch in völkerrechtlichen Angelegenheiten („Krieg und Wiedergutmachung“…). Meines Erachtens ist dieses Dogma deshalb auch fester Bestandteil der menschlichen Natur.
Die Natur selbst kennt die Jahreszyklen – das „Kommen“ und „Vergehen“. Wenn man die Pflanzenwelt beobachtet, kann man auch das „sich verschenken“ erkennen. Ein Prinzip, welches jenem der „Schuld“ widerspricht. Es gibt auch diesen paradiesischen Zustand, welcher nicht an zeitlich gebundenen „Schuldthemen“ festhält: ein Zustand der Gnade, des Leben im „Hier und Jetzt“. Im „Hier und Jetzt“ ist Zeit „illusorisch“ und folglich auch die Schuld! Die Bitte im christlichen Gebet „…und vergib uns unsere Schuld“ durch die Gewissheit „…du vergibst uns unsere Schuld“ zu ersetzen, macht uns das Prinzip der Gnade bewusst, vorausgesetzt, dass „auch wir unseren Schuldigern vergeben…“.
Helmut Wurdinger
zum Augustvollmond 2026
